Renate Käppeli 

Die Magie auf dem Gipfel

Renate Käppeli, Gastgeberin im Rigi Kulm-Hotel, erzählt:

Die Magie auf dem Gipfel

«Die Rigi und vor allem Rigi Kulm als Gipfel des Berges üben auf mich eine grosse Faszination aus. Die Natur zeigt sich in ihrem besonderen Glanz und ihrer ganzen Schönheit. Man kann hier, auf knapp 1800 Metern, magische und einzigartige Momente erleben. Wenn abends die letzte Bahn ins Tal abgefahren ist, herrscht fast vollständige Stille. Rigi Kulm ist dann nur noch unseren Hotelgästen und uns vorbehalten, und man fühlt sich dem Himmel wirklich näher.

ENERGIE TANKEN BEI NEUSCHNEE

Früher spazierten wir als Familie nach strengen Arbeitstagen oft auf den Gipfel. Der kurze Aufstieg war fast zu einem Ritual geworden. Diese Gewohnheit haben wir aufgegeben, doch ich bin immer noch jeden Tag draussen. Als Frühaufsteherin mag ich es, im Morgengrauen, wenn die Hotelgäste noch schlafen, auf die Terrasse hinauszugehen. In diesen Augenblicken, in denen ich mit dem Berg ganz allein bin, tanke ich Energie für den Tag.

Einmal hatte ich ein besonderes Erlebnis: Es war an einem Traummorgen im Winter, in der Nacht hatte es frisch geschneit, und ich trat mit meinen feinen Lederschuhen ins Freie. Als ich wieder hineinkam, begegnete ich einem Seminargast, der auch schon früh auf war. Er schaute mich verwundert an und fragte, warum ich mit diesen Schuhen draussen gewesen sei. Ich sagte ihm, das Schuhwerk sei nicht wichtig, und riet ihm, es mir gleichzutun. Als er zurückkam, war er tief berührt und beeindruckt, und jede Antwort hatte sich erübrigt.

Mittlerweile bin ich seit über 35 Jahren auf Rigi Kulm. Wir besitzen eine Wohnung im Hotel, haben aber auch einen Wohnsitz in Schwyz, wo die Kinder zur Schule gingen. Mein Mann hat den Betrieb von seinem Vater übernommen. Bevor ich mit ihm zusammenkam, kannte ich die Rigi nur von Schulreisen. Zum ersten Mal führte mich mein späterer Mann an einem Wintertag hier hinauf. Ich kann mich noch gut an mein Staunen und an meine Begeisterung für den unglaublichen Weitblick erinnern, und freilich sah ich alles mit verliebten Augen.

Uns war es immer wichtig, an diesem speziellen Ort gepflegte Gastronomie zu bieten. Mit dem Selbstbedienungsrestaurant haben wir ein ergänzendes Angebot geschaffen, das dem Bedürfnis vieler Tagesausflügler entspricht. Bei uns sind alle willkommen. Generell stelle ich fest, dass heute alles sehr viel schneller gehen muss als früher. Manche Touristengruppen fegen wie ein Sturm durchs Gipfelrestaurant, um sofort wieder die nächste Bahn ins Tal zu besteigen. Die Reisekultur hat sich verändert und stellt uns als Gastgeber vor neue Herausforderungen.

TROUVAILLEN AUS VERGANGENEN ZEITEN

Die Geschichte unseres Hotels geht mehr als 200 Jahre zurück.1816 wurde die erste Herberge eröffnet, ein Holzhaus mit sechs Gastbetten in drei Zimmern. Auf dem Dachboden befanden sich die Kammern für die Träger, Führer und Diener der wohlhabenden Reisenden. Das erste Gasthaus wurde vergrössert, war jedoch bald zu klein für die vielen Touristen, die auf die Rigi pilgerten. Anscheinend kam es im Sommer öfter vor, dass Gäste im Speisesaal und auf den Gängen übernachten mussten.

1848 wurde die Herberge durch ein Gasthaus aus Stein mit 130 Betten ersetzt. Auch das war angesichts der steigenden Gästezahlen jedoch zu wenig. Mit dem Hotel Regina Montium und dem Grand Hotel Schreiber wurden dann zwei grosse, legendäre Gasthäuser gebaut. 1871 nahm die erste Zahnradbahn von Vitznau nach Rigi Kulm ihren Betrieb auf. Der Bergtourismus kam in Schwung und flaute erst mit dem Ersten Weltkrieg wieder ab.

In unserem Hotel gibt es vieles, das an die Geschichte erinnert. Mein Schwiegervater war Bauunternehmer und kam 1949 auf Rigi Kulm. Die Hotels waren in Konkurs gegangen. Er kaufte sie und liess sie unter Aufsicht des Heimatschutzes abreissen. Alles, was noch brauchbar war, verwendete er beim Neubau wieder. Sandsteintreppen, Parkettböden sowie die grossen Spiegel mit den Goldrahmen stammen aus dieser Zeit. Das Tafelsilber ist ebenso noch vorhanden wie zahlreiche silberne Kaffee-, Tee- und Milchkännchen. Ein besonderer Schatz ist das Teeservice, das der bayerische König Ludwig II., der mehrmals auf Rigi Kulm weilte, als Gastgeschenk mitgebracht hatte. Das wunderschöne Geschirr ist heute in einer Glasvitrine in unserem Speisesaal ausgestellt.

EINE EMOTIONALE VERBINDUNG

Seit dem Tag, an dem mich mein Mann zum ersten Mal auf die Rigi mitgenommen hat, ist meine Faszination nur noch gewachsen. Mit diesem Ort verbinde ich sehr viele Emotionen und interessante Begegnungen mit spannenden Persönlichkeiten. Ich bin mir bewusst, dass ich mich eines Tages davon verabschieden muss, doch wir haben Glück; die Nachfolge ist geregelt. Eine unserer Töchter hat sich entschieden, den Betrieb weiterzuführen. Das Geschäft loszulassen, wird mir nicht ganz leicht fallen. Noch schwieriger wird es sein, mich von diesem Berg, meinem Berg, zu lösen.»

Hotel Rigi Kulm

Rigi Kulm-Hotel, Familie Käppeli

Kapelle

Bergkapelle Rigi Kulm

Bergbahn

Zahnradbahn Vitznau-Rigi Kulm