Martin Horath

Ein Mann macht Dampf

Martin Horath, Mechaniker bei den Rigi-Bahnen in Goldau, erzählt:

Ein Mann macht Dampf

«Meine Lieblingslokomotive ist die legendäre Damfplok Nummer 7 mit Baujahr 1873. Die historische Lokomotive mit dem stehenden Kessel ist etwas ganz Besonderes, sie befindet sich heute im Besitz des Verkehrshauses Luzern. Vor ein paar Jahren haben wir sie für Jubiläumsanlässe auf der Rigi wieder fahrtüchtig gemacht. Für mich als Eisenbahnfan ist es ein grosses Glück, dass die Rigi-Bahnen heute noch eine Flotte mit mehr als einem Dutzend historischen Zahnradbahn-Fahrzeugen besitzen.

AUF HOCHGLANZ POLIERT

Zu den Prunkstücken gehören die mit Kohle befeuerten Dampflokomotiven Nummer 16 und Nummer 17. Um sie in Fahrt zu bringen, braucht es nicht nur viel Fachwissen, sondern auch Geduld und Musse. Das Vorheizen nimmt mehrere Stunden in Anspruch, und die Loks verbrauchen pro Fahrt einige hundert Kilogramm Kohle. Bevor wir mit ihnen das Depot verlassen und die Bergfahrt mit Volldampf in Angriff nehmen, putzen wir sie heraus, bis sie glänzen. Die Dampfloks sind beliebte Fotosujets bei Touristen und Einheimischen. Es gibt in der Schweiz viele Bahnliebhaber, die uns mit ihren Fragen bestürmen. Sie wollen den Jahrgang der Loks wissen, fragen nach den Einzelheiten der letzten Revision und interessieren sich dafür, wie viele PS die Fahrzeuge besitzen. Die wichtigsten Daten kennen wir auswendig.

Bei den historischen Fahrzeugen gilt für mich: je älter, desto besser. Mit Dampf betriebene Maschinen haben mich schon immer fasziniert. Ich bin erblich vorbelastet, denn mein Vater war Depotchef und Wagenführer bei der damaligen Arth-Rigi-Bahn in Goldau. Als Bub durfte ich hin und wieder mit ihm im Führerstand mitfahren, so dass die Liebe zur Eisenbahn schon früh geweckt war. Mein Vater hatte zuhause eine kleine Mechaniker-Bude. Ich verbrachte viel Zeit in seiner Werkstatt und wuchs in die Materie hinein. Das Schrauben und Tüfteln hat mir schon als Kind gefallen.

Meine Lehre als Mechaniker absolvierte ich in Walchwil, in einer Firma, die Maschinen zur Fertigung von Sprengstoff- und Zigarettenverpackungen herstellte. Danach wollte ich mich auf dem Gebiet der Elektrik weiterbilden. Schon zu dieser Zeit wusste ich jedoch, dass ich etwas mit Dampf arbeiten wollte. Darum bewarb ich mich bei der Brienz-Rothorn-Bahn und bei der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee. Von beiden bekam ich Absagen, worauf ich mich bei der Arth-Rigi-Bahn meldete. Der damalige Direktor wollte mich aber nicht. Er fand, es sei nicht gut, wenn Vater und Sohn am selben Ort arbeiten.

PRIVATSAMMLUNG MIT DAMPFMASCHINEN

Ich begann dann bei der Vitznau-Rigi-Bahn. Das ist jetzt dreissig Jahre her. Zu dieser Zeit waren die Arth-Rigi- und die Vitznau-Rigi-Bahn noch zwei getrennte Betriebe. Die Arbeit in der Werkstatt ist heute noch ähnlich wie damals. Nur die Sicherheitsvorschriften sind viel strenger geworden. Das Gute an den alten Fahrzeugen ist, dass die Elektrik und die Mechanik noch einfacher nachvollziehbar sind. Wir machen möglichst alle Revisionen selber. Die Dienste als Wagenführer haben den Vorteil, dass man unter die Leute kommt und sich die Hände für einmal nicht schmutzig macht. Ich mag an meiner Tätigkeit die Abwechslung. Das Handwerk gefällt mir genauso wie der Fahrdienst, ich möchte weder das eine noch das andere missen.

Auch in meiner Freizeit beschäftige ich mich viel mit Dampffahrzeugen und anderen Oldtimern. Ich engagiere mich ehrenamtlich bei der Dampfbahn auf der Furka-Bergstrecke. Ausserdem besitze ich eine Privatsammlung mit etwa 150 Tonnen Edelschrott, wie ich es nenne. Darunter befinden sich eine 14-Tonnen-Dampfwalze, mehrere Dampflokomotiven und Dampfmaschinen sowie ein Sägewerk, mit dem man Baumstämme in Bretter sägen kann. Diese Sammlerstücke lagere ich in vier Hallen in der Umgebung von Goldau. Ich zeige sie manchmal an Ausstellungen in der Schweiz und auch im Ausland. Logistisch ist das jedes Mal eine ziemliche Herausforderung: Um die Maschinen zu transportieren, muss ich jeweils einen Lastwagen mit Kran und Anhänger auftreiben. Zu meiner Privatsammlung gehören auch Motorräder und alte Autos, darunter ein Fiat Topolino aus der Zeit von 1939.

FERIEN IM WÄRTERHÄUSCHEN

Wenn ich privat auf die Rigi fahre, tauche ich ein in eine andere Welt. Mir gehört das alte Wärterhäuschen zwischen Staffel und Kulm. Als ich es vor Jahren übernommen hatte, befand es sich in einem sehr schlechten Zustand, man wollte es sogar abbrechen. Wenn man mich früher gefragt hätte, ob ich mir ein Feriendomizil auf dem Berg wünschen würde, hätte ich gelacht. Doch nun bin ich sehr glücklich damit. Man hat seine Ruhe da oben, und im Herbst und Winter befindet man sich häufig über dem Nebelmeer. Das Beste daran ist aber, dass die Rigi-Bahn direkt vor der Tür vorbeifährt: Davon kann ich als passionierter Eisenbähnler nie genug kriegen.»