Ruedi Jöhl

Konditionstraining und Psychohygiene 

Pfarrer Ruedi Jöhl, Rigi-Berggänger, erzählt:

Konditionstraining und Psychohygiene

«Für mich ist die Rigi der ideale Berg, um die Kondition zu halten. Ich bin mehrmals pro Woche hier oben. Die Aufstiegsdistanz von rund 1300 Metern eignet sich ausgezeichnet, um fit zu bleiben. Das Konditionstraining ermöglicht es mir, im Sommer auch einmal einen höheren Berg zu besteigen. Ich habe schon alle Viertausender der Schweiz bezwungen. 

Das Bergsteigen habe ich im Blut. Meine Grossmutter war in den dreissiger Jahren als junge Frau auf dem Clariden und dem Urirotstock. Sie war eine emanzipierte Frau, und meine Familiengeschichte zeigt: Wenn man das Bergvirus einmal hat, wird man es nicht mehr los. Meine persönliche Rigi-Besteigung beginnt jeweils zuunterst im Tal, in Weggis, Vitznau, Brunnen oder Goldau, und sie endet immer auf dem Kulm, wo ich in die Rigi-Bahn steige und wieder hinunterfahre. Abwärts gehen mag ich nicht; meine Gelenke und der Rücken sind nicht die besten.

MURMELTIERE UND GÄMSEN

Die Rigi kenne ich schon sehr lange. Als Kind war ich einmal auf der Goldauer Seite, das muss 1968 gewesen sein. 1977 bestieg ich die Rigi das erste Mal selbständig, und seither war ich Hunderte Male hier oben. Ich bin in Birmensdorf im Kanton Zürich aufgewachsen, von dort aus war die Rigi der erste richtige Berg, der in einer vernünftigen Zeit erreichbar war. Während des Gymnasiums hatte ich einen Kollegen mit einem Ferienhaus auf der Rigi. Dort lernten wir für die Matur. Später, im Theologiestudium, kam ich oft noch schnell hierher, wenn mir das Hebräisch-Vokabular über den Kopf wuchs.

Ich führe zu Hause über jede Tour Buch, so dass ich immer sagen kann, wann ich wo war. Viele Worte braucht es nicht, meist reicht eine Zeile im Tourenverzeichnis mit ein paar knappen Stichworten: Da steht dann, wie das Wetter war, wie viel Zeit ich gebraucht habe, wer dabei war und ob ich etwas Besonderes erlebt oder gesehen habe. Wenn ich in Begleitung bin, geniesse ich es, auch einmal zu schweigen. Man kann hier viele Tiere beobachten wie zum Beispiel Gämsen, Murmeltiere, Rehe, Hirsche und verschiedene Vögel wie Adler oder Rotmilane. 

Einer meiner Lieblingswege führt über die Alp Zingel. Im Hochwinter ist diese Tour selbst mit Schneeschuhen nur dann begehbar, wenn die Bodenverhältnisse gut sind und keine Lawinengefahr herrscht. Insgesamt kenne ich sicher mehr als 15 verschiedene Routen auf den Kulm, darunter viele Schleichwege, auf denen ich praktisch nie jemandem begegne. Ich werde oft gefragt, ob es nicht langweilig sei, so oft denselben Berg zu besteigen. Das ist es definitiv nicht! Ich erlebe die Rigi jedes Mal anders. Jede Jahreszeit ist schön, und im Nebel zeigen sich zuweilen phantastische Lichtspiele und Gebilde. 

EIN GEFÜHL VON FREIHEIT

Am liebsten bin ich in der Nacht, bei Vollmond, oder sehr früh am Morgen unterwegs. Zum Glück brauche ich sehr wenig Schlaf und bin jeden Morgen spätestens um 4 Uhr wach. So kommt es vor, dass ich den Aufstieg schon zweimal hinter mir habe, wenn andere ihr Frühstück essen. Das klingt jetzt vielleicht sportlich, aber eigentlich bin ich nur ein ganz normaler Bergsteiger. Mir tun die Bewegung und die frische Luft einfach gut, und ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Auf der Rigi spüre ich die Freiheit besonders. 

Ich bin Pfarrer in Seegräben im Zürcher Oberland. Ausserdem arbeite ich als Seelsorger im Spital Wetzikon. In meinem Beruf ist es gut, wenn man einen Ausgleich hat, denn es gibt immer wieder schwere Situationen. Erst kürzlich musste ich ein kleines Kind beerdigen. Für solche Momente muss man sich Kraft holen, ich kann das am besten in der Natur. Auch in Bezug auf die Psychohygiene ist die Rigi ein wunderbarer Berg. 

LEICHTES GEPÄCK

Während meiner Bergtouren lasse ich mich auch für meinen Alltag als Pfarrer inspirieren. In meiner Gemeinde weiss man, dass ein Grossteil meiner Predigten hier oben entsteht. Manchmal sind es kleine Beobachtungen, manchmal auch Begegnungen mit anderen Menschen, die in die Sonntagspredigt einfliessen. Inzwischen kenne ich hier viele Leute, die ich gern bekommen habe. Mit dem Personal der Rigi-Bahnen etwa führe ich immer spannende Gespräche. 

Ich reise stets mit leichtem Gepäck, ich bin ein Minimalist. Wenn das Wetter kritisch ist, nehme ich ein Ersatz-T-Shirt und die Regenjacke mit. Handy und Sonnenbrille habe ich auch dabei, und im Hosensack ein paar Hundebiskuits für meine vierbeinigen Freunde. Die einzige Verpflegung für mich selber ist ein Biberli. Im Notfall liefert es schnell wertvolle Kalorien.»