Historisch
Panoramen
Kartografische Perfektion und künstlerische Juwelen, das war das Erfolgsrezept für die Rigi-Panoramen des 19. Jahrhunderts. Nach dem Wiener Kongress von 1815 stieg die Zahl der Rigi-Besuchenden stetig an. Auf der Rigi stellte man einen Aussichtsturm auf, um den Gipfelblick zu steigern. Die Leute wurden Teil der Szenografie, sie befanden sich im Zentrum der wunderbaren Landschaft und konnten – wie Jahre zuvor Goethe – ringsum die Herrlichkeit der Welt bewundern und auf dem mitgebrachten Panorama nachvollziehen.
Die Rigi war unbestritten die Königin der Aussichtsberge des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu anderen Bergen war die Rigi schon immer der Liebling der Gelehrten und frühen Touristen. Dieser den Alpen vorgelagerte Gipfel, bietet tatsächlich einen wunderbaren Fernblick auf enorm viele Berggipfel. Dank seiner Lage zwischen Mittelland und Alpen fühlte man sich auf sichere Distanz zum «schrecklichen» Gebirge. Vielleicht trug auch der gute Einblick auf das Gebiet des Bergsturzes vom Rossberg von 1806 das seine dazu bei, dass immer mehr Reisende die Rigi besuchten. Der Besucherstrom wiederum löste eine grosse Bautätigkeit aus, und die Reisenden waren neugierig, wollten informiert sein. so dass rasch viele Reiseführer auf den Markt kamen.
Die Geburtsstunde der touristischen Rigi-Panoramen
Das war die Geburtsstunde der touristischen Rigi-Panoramen. Diese Neuerfindungen wurden als kreisförmige Darstellung und als lange Streifen angeboten. Die Zeit der gedruckten Panoramen begann 1815 mit dem «Panorama vom Rigi Berg» von Heinrich Keller aus Zürich, der ersten publizierten Alpenrundsicht von 360° überhaupt. Das fast zwei Meter lange Streifenpanorama konnte man als Leporello mit einem schützenden Kartondeckel kaufen. Heinrich Keller war geschäftstüchtig und veröffentliche von 1815 bis 1827 praktisch jährlich und später immer noch regelmässig eine neue Auflage. Insgesamt erschienen im 19. Jahrhundert 106 verschiedene Panoramen der Rigi, ein Vielfaches anderer viel begangener Aussichtspunkte, wie etwa der Pilatus oder der Uetliberg.
Mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen holte sich Heinrich Keller nicht nur den Übernamen „Panoramen-Keller”, sondern er begründete damit den Weltruf der Schweizer Panoramen. Vater und Sohn Keller zeichneten die Landschaft nicht pittoresk gefällig, sondern nüchtern mit sparsam verwendeten Linien. Der Vordergrund erscheint markant und detailreich, der Hintergrund besteht nur noch aus fein gestochen Konturen und löst sich fast im Dunst auf. Die Synthese von exakter Vermessung und künstlerischer Gestaltung verlieh den Paramenten eine perfekte räumliche Dimension. Diese Meisterwerke verkauften sich so gut, dass auch zahlreiche Nachahmungen und Raubkopien auf den Markt kamen.
Die RIGI im Zentrum der alten Eidgenossenschaft von 1479
Drehen wir das Rad der Zeit rund 500 Jahre zurück, so stossen wir auf die erste grafische Darstellung der Schweiz überhaupt. Sie zeigt die Rigi im Zentrum der alten Eidgenossenschaft, ist auf Pergament gezeichnet und liegt der Beschreibung der Schweiz «Superioris Germanie Confoederationis descriptio» von 1479 des damaligen Dekans des Klosters Einsiedeln, Albrecht von Bonstetten, bei. Bonstetten hatte in Italien studiert und war vom Geist der italienischen Renaissance geprägt. Diese Beschreibung der Schweiz und die hier gezeigte älteste grafische Darstellung der Schweiz beruhen auf eigenen Anschauungen und Beobachtungen. Das war ein neu. Man beobachtete, sammelte Erkenntnisse, man schöpfte sein Wissen nicht mehr aus den Schriften des Altertums. Aus heutiger Sicht handelt es sich bei dieser ältesten Darstellung der Schweiz um einen Urform von Kreispanoramen.
Die Rigi mit ihren drei Gipfeln Kulm, Scheidegg und Hochflue befindet sich im Zentrum der damaligen Schweiz. Wir blicken nach Süden: Um die Rigi herum gruppieren sich die Orte der damaligen Eigenossenschaft: Mit Blick gegen Westen - zwischen Luzern und Unterwalden - befinden sich etwas weiter entfernt Bern, im Norden Zürich, im Süden Uri und im Osten Zug und Glarus. Geografisch ist die Lage der Rigi völlig korrekt erfasst. Die Darstellung ist jedoch noch mittelalterlich. Im Mittelalter suchte man nicht nach realistischen Abbildungen, sondern nach symbolischen. In ähnlichen kreisförmigen Darstellungen war oft Jerusalem oder Rom im Zentrum. In der hier gezeigten Darstellung ist es die Rigi «Regina Monti». Das war das Wesentliche, was von Bonstetten vermitteln wollte: Die Rigi befindet sich im Zentrum der Eidgenossenschaft.
Das älteste Rigi-Streifenpanoramen von 1790
Besondere Beachtung verdient das als seitliche Kulisse zur Lok7 verwendete Rigi-Streifenpanorama.
Mit diesem künstlerisch gelungenen Streifenpanorama in der respektablen Grösse von 221 x 20 cm gelang dem Autoren Johann Heinrich Weiss Hervorragendes. Dieses älteste Rigi-Streifenpanoramen «Vue, de lachaîne des Hautes Alpes […]» zeichnete Weiss bereits 1790 auf Rigi-Kulm. Weiss arbeitete damals als Kartograf an einem privat finanzierten Projekt, am «Atlas Suisse», dessen 16 Hauptblätter im Masstab 1:120’000 von 1796 bis 1802 publiziert wurden. Während den Vermessungsarbeiten skizzierte Weiss auch Panoramen und Ansichten. Dass der künstlerisch begabte Weiss eben auch der geübte Kartograf war, zeigt sich an manchen Detail. So gibt er auf seinem Panorama einige Berghöhen in «Pieds de France» an: so zum Beispiel Glärnisch 9’996, Titlis 10’522 und Finster-ar-horn 13’177. Ganz rechts auf dem Panorama vermerkt er bei Luzern, dass der Lac de Lucerne 1340 «Pieds de France» über dem Meer liege. Das Panorama zeigt nur den Teilabschnitt auf die Alpen, nicht aber den Blick nach Norden.
Die hier vorgestellten Panoramen haben etwas gemeinsam. Sie verbinden topografische Genauigkeit mit künstlerischer Umsetzung. Damit machten sie den Alpenraum geografisch greifbar und trugen zum Weltruf der Schweizer Kartografie bei.
Aussichtsturm
Bevor Rigi Kulm zu dem modernen Ausflugsziel wurde, das wir heute kennen, prägten einfache Holzbauten und hölzerne Plattformen das Gipfelbild. Eine davon war der frühe Aussichtsturm, wie er auf vielen historischen Postkarten zu sehen ist. Die kleinen, erhöhten Holzkonstruktionen boten den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, den Blick über die Zentralschweiz noch eindrucksvoller zu erlebe
Bildrecht: Photoglob Kartennummer 3958
Der ursprüngliche hölzerne Aussichtsturm, wie er auf vielen alten Postkarten zu sehen ist, prägt das heutige Gipfelbild nicht mehr. Umso wertvoller ist es, dass in der Lok 7 Ausstellung auf Rigi Kulm ein Nachbau dieses historischen Turms errichtet wurde.
Dieser Nachbau ermöglicht Besucherinnen und Besuchern, die Atmosphäre der frühen Rigi‑Tourismuszeit nachzuempfinden – einer Zeit, in der einfache Holzkonstruktionen das Panoramaerlebnis auf dem Gipfel erweiterten und die Rigi zum Inbegriff des frühen Alpen-Tourismus machten.